Susanne Bock erzählt über ihr Leben
Das Leben der Susanne Bock

Bild von Suanne Ha(c)kl mit ihrer Mutter Rosa, 1921
Susanne Bock wurde im Mai 1920 als Kind jüdischer Eltern geboren - ihre Eltern haben sich schon sehr früh getrennt, sodass sie keine Geschwister hatte. Die Trennung der Eltern führte dazu, dass Geld in der Familie immer sehr knapp war und die Mutter versucht hat, sich und die Tochter finanziell über Wasser zu halten. So war auch die Wahl einer Schule nicht von den Neigungen von Susanne abhängig, sondern von der Frage, an welcher Schule sich die Mutter das Schulgeld leisten konnte.
1932 trat Susanne den "Roten Falken", der Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei, bei, bereits in der Volksschule besuchte sie eine Singgruppe der "Kinderfreunde", einer sogenannten Vorfeldorganisation der Sozialdemokratischen Partei. Die Februarkämpfe 1934 und das damit einhergehende Verbot der sozialdemokratischen Partei in Österreich führte dazu, dass auch die junge Susanne Bock nun illegal agierte, sie verstreute aus Papier gebastelte sozialistische Parteiembleme in den Straßen, beschmierte Wände und nahm an Demonstrationen teil. Ende April 1936 (wenige Tage vor ihrem 16. Geburtstag) wurde sie verhaftet und in das Gefangenenhaus auf der Elisabethpromenande überstellt, wo sie einige Tage in Haft verbrachte.

Bild von Suanne Ha(c)kl mit Gitarre, 1936

Bild von Suanne Ha(c)kl, September 1938
Mit dem Anschluss 1938 änderte sich auch für Susanne das Leben. Ihre Familie, die den jüdischen Glauben nicht praktizierte und in der es viele sogenannte "Mischehen" gab, war bereits vor dem Anschluss gelegentlichem Spott ausgesetzt, auch mit der Volksschullehrerin, einer illegalen Nationalsozialistin, hatte Susanne öfters Schwierigkeiten. Von den Geschwistern von Susannes Mutter blieb nur ein Bruder während des NS-Regimes in Österreich - er überlebte den Krieg gemeinsam mit seinem Sohn als sogenanntes "U-Boot". Die übrigen Geschwister verließen mit ihren Familien Österreich. Susannes kranker Vater wurde 1942 hingegen nach Minsk deportiert, verstarb jedoch während des Transports.
Susanne spürte die ersten unmittelbaren Folgen des Anschlusses, als sie am 12. April 1938 ausgeschult wurde, indem der Schuldiener in die Klasse kam, um zu verlesen, dass die jüdischen Schüler die Schule augenblicklich zu verlassen hätten. Im zweiten Wiener Gemeindebezirk wurde behelfsmäßig eine Schule für jüdische Schülerinnen und Schüler eingerichtet, was es Susanne noch ermöglichte, im Juni 1938 zur Matura anzutreten, die sie auch bestand. Ein Maturazeugnis wurde ihr nicht ausgehändigt, der Schuldirektor hat ihr lediglich eine formlose Bestätigung über die bestandene Matura in die Hand gedrückt. Das eigentliche Maturazeugnis wurde von ihrem damaligen Freund und späteren Mann, Wolfgang Bock, abgeholt und bis zu ihrer Rückkehr nach Österreich 1946 verwahrt.
Die Beziehung zwischen Wolfgang und Susanne - er Arier, sie Jüdin - galt als Rassenschande, die von der Wiener Bevölkerung mit Gewaltexzessen geahndet werden konnte und die auch vom Regime bekämpft wurde. Treffen in der Öffentlichkeit waren ihnen de facto unmöglich, das Paar fand aber den Ausweg, in den frühen Morgenstunden gemeinsame Spaziergänge zu unternehmen, um so miteinander Zeit verbringen zu können.

Antrag zur Reifeprüfung:
An die Direktion der Bundesrealschule in Wien II., Vereinsgasse 21. Im Sinne des § 5 der Reifeprüfungsvorschrift ersuche ich um Zulassung zur Reifeprüfung im Sommertermin 1938. Rosa Hackl (Unterschrift der Mutter), Susanne Hakl (Unterschrift der Schülerin), Wien, am 13. November 1937. Zahl der Beilagen: 6

Susannes "Odyssee" während ihres Exils
Nach der Matura im Juni 1938 erfuhr Susanne, dass mit Verhaftungen von Menschen, die auf Polizeilisten aus der Zeit des Austrofaschismus gefunden wurden, begonnen wurde. Da ihre Verhaftung im Jahr 1936 polizeibekannt war, entschloss sie sich augenblicklich zur Flucht aus Wien. Sie reiste 1938 erst nach Mailand und kam nach einer Odyssee über Frankreich im Februar 1939 in England an.
Susannes Mutter verließ Wien nach den Novemberpogromen 1938 und floh nach England. In der Wohnung verblieb eine jüdische Familie aus dem Burgenland, die nach dem Anschluss aus dem Burgenland vertrieben wurde, da man bereits unmittelbar nach dem Anschluss das Ziel hatte, dass das Burgenland "judenrein" zu sein habe.

Bild steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung

Brief von Wolfgang Bock an die Zensurstelle:
Liebe Zensurstelle! Sie delektieren sich an meinen Liebesbriefen. Das nehme ich Ihnen nicht weiter übel. Im Gegenteil, ich bedaure Sie. Denn das muss auf die Dauer ja sehr langweilig werden. Hoffentlich haben Sie wenigstens einen literarischen Gewinn dabei. Wenn ich Ihnen etwas übel nehme, dann ist es, dass durch Ihre schlecht organisierte Arbeit Briefe aus so geringer Entfernung wie aus Bratislava, drei Monate nach Wien brauchen. Das hat ja der alte Metternich schneller machen lassen als Sie. Von der Gestapo ganz zu schweigen. Wie wäre es, wenn Sie die Briefe nur lesen, stempeln (natürlich!) und weiterschicken würden?

Ich glaube, die Laufzeiten der Briefe könnten sich noch verkürzen lassen. Damit Sie aber einmal eine wirklich Ihrer würdige Aufgabe zu lösen haben, hier ein chiffrierter Text:
tiekg ibuea gleis thiel revad tgasr evtkn itsni eisow tknit sniei stbig adtga srevz negil lenti rutan eidow
Neihmen Sie eine Uhr und stellen Sie fest, wie lange Sie zur Entschlüsselung brauchen. Vorher aber kleben Sie bitte meinen Brief zu und lassen Sie ihn weiterbefördern. Ich werde Ihnen sehr dankbar sein. 9. Feber 1946, 0904 Uhr. Bock
Ende 1945 erhielt Susanne in Zilina einen Brief ihres früheren Freundes Wolfgang Bock. Sie verließ daraufhin ihren Mann und machte sich am 6. Jänner 1946 auf den Weg nach Wien, wo sie am 8. Jänner ankam. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann am 9. Mai 1949 heiratete sie Wolfgang Bock am 23. Juni 1949.
Das Wiedereinleben in Wien wurde Susanne Bock jedoch nicht leicht gemacht. Sie war bitter enttäuscht, als sie feststellen musste, dass ihr Verständnis, Mitgefühl, Entgegenkommen - ja, vielleicht auch Schuldgefühle den Juden gegenüber - versagt blieben. Sie machte die Erfahrung völliger Verständnislosigkeit seitens der Bevölkerung, eines konsequent gezeigten "Nichtwissens" gegenüber dem, was geschehen war, der zur Schau getragenen Unschuld anstelle von Mitschuld. "Verfolgte" waren in der damaligen Diktion nur vertriebene Volksdeutsche, denen Hilfe und Mitgefühl zustanden. Dass jedoch auch allein aus Wien 180.000 Jüdinnen und Juden auf grausame Weise "entfernt" wurden, denen man zuvor alle möglichen Schikanen und Misshandlungen angetan hatte, die beraubt wurden - ja, das waren ja nur Juden in den Augen der Österreicher.
Jenen Jüdinnen und Juden, denen es gelungen war, ihr Leben zu retten, begegnete man mit der Haltung, dass diese den Krieg ja sehr bequem verbracht hätten, wohingegen die unschuldigen Österreicher - das erste Opfer deutscher Aggression - so viel erdulden mussten.

Abbildung: Verband der wegen ihrer Abstammung verfolgter Wien II., Praterstrasse 25/9. Wien, den 23. Juni 1947. Es wird hiermit bescheinigt, dass Frau Susanne Lipscher, geb. Hackl, geboren in Wien am 13. V. 1920, wohnhaft in Wien VI, Hofmühlgasse 18/19, verheiratet, österr. Staatsbürgerin bei uns unter der Nummer 5990, als ordentliches Mitglied registriert wurde.

Abbildung: Magistratisches Bezirksamt für den 6./7. Bezirk (Registrierungsbehörde für den 6. Bezirk). Bescheinigung. Im Sinne des § 7, Abs. (4), des Verbotsgesetzes 1947 wird bescheinigt, daß Frau Lipscher Susanne, geb. am 13.5.1920, seit 13.12.1947 wohnhaft in Wien, 6. Bezirk, Hofmühlgasse 18, in der Registrierungsliste dieses Gemeindebezirkes nicht verzeichnet ist. Ein Einspruchsverfahren wegen Nichtverzeichnung ist nicht anhängig. Die nach der Bundesverwaltungsabgabeverordnung entfallende Abgabe von 70 Groschen wurde erlegt und unter fortlaufender Zahl 5318 des Vormerkbuches für die Verwaltungsabgaben verrechnet. Wien, am 23. Juli 1948. Der Bezirksamtsleiter.
Dieses Unverständnis zeigt sich in einer Begegnung, die Susanne Bock schilderte, als sie Jahre später versucht hatte, die Zeit ihrer Emigration in England auf die Pensionszeiten anrechnen zu lassen. Der Beamte begutachtete ihre Papiere und lehnte das Ansuchen ab. Auf Susannes Protest hin stellte er die polemische Frage "gnädige Frau, ja weshalb sind Sie denn weggegangen?"
Aber auch im Umgang mit Hilfsorganisationen zeigte sich, dass der Antisemitismus in Wien immer noch gang und gäbe war. Wurde die Hilfeleistung von Hilfsorganisationen an die nichtjüdische Wiener Bevölkerung freudig begrüßt und dankbar angenommen, wurden jüdische Empfänger solcher Unterstützungen voll Neid angefeindet, wenn sie von Glaubensgenossen im Ausland durch jüdische Hilfsorganisationen unterstützt wurden.
Auch bei der Arbeitssuche gab es von offizieller Stelle keine Unterstützung für Susanne. Sie hat im Jahr 1938 die Matura abgelegt, jedoch keinen Beruf erlernt. Ein Studium war ihr durch ihre Flucht nicht möglich, die Berufe, die sie - durch Firmenzeugnisse nachweisbar - im Exil ausgeübt hatte, berechtigten sie in Österreich nicht zur Ausübung eines Berufs. Ihre Fremdsprachenkenntnisse halfen ihr später, eine Anstellung in der Pressestelle der britischen Besatzungsmacht zu erlangen, wo sie als Sekretärin arbeitete, später arbeitete sie für das "American Joint Distribution Committee".

Abbildung: KZler Ausweis
Susanne Bock beschreibt insbesondere in ihrem Buch "Heimgekehrt und fremd geblieben" ihr Leben nach dem zweiten Weltkrieg mit allen Höhen und Tiefen, die sie erlebt hat. 1978 begann sie ihr Studium der Sprachwissenschaften, im Jahr 1993 promovierte sie zur Doktorin der Philosophie. Erst im Rahmen ihres Studiums und dem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen verlor sich endlich ihr Gefühl der "Unwillkommenheit", welches sie als rückgekehrte Exilantin seit 1946 wahrgenommen hatte.
Als Zeitzeugin hat sie immer über das Erlebte berichtet, "niemals vergessen" und "wehret den Anfängen" waren ihre Botschaften, für die sie sich Zeit ihres Lebens einsetzte und in vielen Gesprächen an die folgenden Generationen weitergab. Sie blieb ihr gesamtes Leben eine sehr politische Person.
Susanne Bock starb am 30. Juli 2022 im 103. Lebensjahr in Wien.