Briefe von Susanne Bock

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Hurbanovà nl.2.

20.1.1946

Mein Liebster!

Es war doch ein Fehler, daß ich mich wegschleifen ließ, doch hoffe ich, alles wird noch gut werden. Es muß gut werden. Ivan hat sich jetzt ernstlich bereit erklärt, mir eine Scheidung zu geben, doch ist es eine komplizierte Angelegenheit. Morgen werden wir hier mit einem Rechtsanwalt sprechen, und uns ein Armutszeugnis beschaffen, damit die Scheidung von hier aus durchgeführt wird, was weitaus schneller und einfacher ist. Ich rechne mit 9-12 Monaten. Gestern habe ich auch schon an das Innenministerium in Bratislava geschrieben um eine Ausfuhrbewilligung für mein Gepäck, und an die österr. Gesandschaft in Prag um eine Besuchsbewilligung zwecks Verwandtenbesuche in Wien. Alles wurde express rekom. geschickt, und ich hoffe, nähste Woche Antwort zu haben. Mein Verstand befiehlt mir, solange länger hier zu warten, aber es fällt mir sehr schwer und sollte ich es wirklich nicht aushalten können, werde ich mich eines Tages zusammenpacken und wieder kommen, auch ohne Gepäck. Also sei aufs Ärgste gefaßt.

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Wenn ich daran denke, wie wir uns verabschiedeten. Du warst leichenblaß und mir war totenübel. Und seidher war mir noch nie warm. Ivan hat mir angetragen mich wieder nach Wien fahren zu lassen auf 4 Wochen, und dann sollte ich wieder zurückkommen. Doch habe ich das abgelehnt. Ein Schrecken ohne Ende hat keinen Zweck! Ganz Zilina ist mir schon wieder auf den Hals gehetzt worden und Tag und Nacht wird mir zugesetzt. Jeder denkt ich wäre leichtsinnig und unüberlegt und würde meinen Schritt bereuen. Sie verstehen eben alles nicht, was geschehen ist. Wie könnten sie auch. Wo ich es doch selbst kaum fassen kann!

In Gedanken bei Dir.

Deine Susanne

P.S. Nur dein Brief mit dem Bild mit Bart ist vorläufig angekommen. Und die stenogr. Anschrift auf der Rückseite war unleserlich. Also bitte, stenografiere nicht!

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Hurbanovà nl. 2. Zilnia. C.S.R.

29.1.1946

Mein liebster Wolfgang!

Auch heute, Dienstag, ist noch keine Post aus Wien gekommen, und ich beginne schon sehr ungeduldig zu sein. Dabei fürchte ich, daß die Wartezeit für Dich noch viel schlimmer ist, da Du über mein Ergehen Dir noch mehr im Unklaren bist als ich über Dich und deshalb hoffe ich nur sehr, daß Briefe von uns zu Euch doch nicht ganz so lange brauchen wie umgekehrt.

Leider kann ich dir garnichts berichten. Hier lebe ich weiterhin "in Erwartung". Ich warte auf Antwort aus Prag, aus Bratislava, aus Wien. Von England und Frankreich ganz zu schweigen. Dann warte ich auf wärmeres Wetter und darauf, daß die Zeit vergeht. Auch Du kannst in einiger Zeit ein Packerl erwarten, meine Freundin Hertha will uns etwas zukommen lassen, was wir in Wien sehr vermisst haben, trotz der Liebenswürdigkeit Deiner hilfsbereiten Mama.

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Übrigens mach Dir deshalb keine Sorgen, es ist alles in Butter, wie ich seit heute weiß. Meine Zeit verbringe ich meistens mit der Reinigung der neuen Wohnung, in die ich Ivan noch vor meiner Abreise einsiedeln will. Hoffentlich werde ich aber nie mehr dort wohnen müssen. In Gedanken bin ich Tag und Nacht bei Dir und befinde mich in einem etwas abnormalen Zustand. Ob das zu verwundern ist? Und was machst Du, lieber Wolfgang? Und Wien? Wann wir zu Teschner endlich gehen werden? Und wieder ins Theater? Vielleicht sogar (zum 2. Mal) ins Kino? Diese tröstlichen Zukunftsträume helfen mir über die häßliche Gegenwart.

Ob morgen ein Brief kommen wird?

Susanne

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Hurbanovà nl. 2. Zilina. C.S.R.

1. Feb. 1946

Mein lieber Wolfgang!

Heute warte ich wie immer auf den Briefträger, und noch immer ohne Erfolg. Auch aus England von meiner Mutter ist kein Brief gekommen, nur eine Antwort auf den Brief den ich vor meiner Abreise nach Wien schrieb. Dafür habe ich inzwischen eine negative Auskunft aus Prag vom Repatriationsamt, und ein Freund den ich um persönliche Intervention dort ersuchte, schrieb mir, daß es doch am gescheitesten sei, selbst mit meinen sieben Sachen nach Prag zu fahren, dort alles zu erledigen, und dann mit dem Schnellzug nach Wien weiterzufahren. Diesen Weg werde ich wohl auch einschlagen müssen, und werde von hier nach Prag fahren, sobald ich nur irgendwie kann; ich hoffe, es wird mir Ende nächster Woche möglich sein. Inzwischen bemühe ich mich hier, meine Dokumente amtlich übersetzt und bestätigt zu haben, in dieser elenden Kleinstadt keine einfache Sache.

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Meine Adresse in Prague kann ich Dir noch nicht angeben, und es hat wohl kaum einen Zweck, daß Du mir dorthin schreibst, da Briefe ja sehr langsam gehen. Also schreibe weiter an mich hier. Was nach meiner Abreise ankommt lasse ich mir nachschicken. Obwohl ich sehr, sehr auf den ersten Brief von Dir warte, und das Warten mir nicht leicht fällt, habe ich doch, trotzdem, das angenehme Gefühl, dass er nichts ändern kann und wird. Er wird mich nur stärken. Das ist eine Sache, die Ivan nicht verstehen kann Schon sagt er: "Er schreibt Dir ja nicht einmal." Er kann nicht verstehen, daß du mir monatelang vorgeschwebt bist als Krüppel, oder im Stacheldraht hängend, oder verreckt und erfroren, verdurstet und verhungert, und daß Du jetzt lebst, und wie lebendig, und daß mir das genügt, Brief oder nicht! Wer könnte das auch verstehen, außer uns beiden? -

Grüße deine Eltern von mir, es umarmt Dich Deine Susanne

P.S. Ich hoffe, Du stenografierst keine Briefe. Das würde ihr Nichtankommen erklären!

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Hurbanovà nl. 2. Zilina. C.S.R.

5.2.1946

Mein lieber Wolfgang!

Die erste Hälfte der 3. Woche ist vorbei, und heute war wieder keine Post von Dir. Dabei ist in der nacht die Brücke zwischen Zilina und Cadea umgerissen worden, was den Verkehr zwischen hier und Prag unterbindet, also wielange es dauern wird, bis man fahren können wird, ist nicht vorauszusehen, selbst die Natur hat sich gegen uns gestellt. Mein Plan, der nach wie vor feststeht, ist der, nach Prag zu fahren, cca. am 10. Feb. und von dort nach Erledigung meiner Angelegenheiten, direkt nach Wien. In meiner Abgeschnittenheit hier kommt mir die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit, nur wie ein ferner, schöner Traum vor, und wenn ich Dir schreibe, ohne eine Antwort zu bekommen, steigert sich die Traumähnlichkeit ins Ungemessene. Ob Du dieses Gefühl auch hattest, als Du ins Physikheft schriebst?

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Manchmal packt mich auch die Angst, und ich mache mir arge Vorwürfe wegen der "Dummheiten", die ich doch bestimmt begangen habe, während wir zusammen waren. Und ich denke hin und her und überlege, ob ich nicht doch zu schnell mit der ganzen Wahrheit herausgerückt bin, und zu viel in die paar Tage zusammengedrängt wurde.... Zweifel quälen mich oft sehr.

Wie geht es Dir, Liebster? Hast Du wenigstens Post von mir? Wenn ich das sicher wüßte, wäre ich schon halb getröstet, aber nicht einmal das kann ich erfahren! Hast Du jemanden von meiner Familie gesehen? Ich hoffe, daß ich wenigstens mit ihrer Billigung, wenn schon nicht Unterstützung rechnen kann, sonst wäre ich sehr unglücklich.

No, es wird schon schief gehen.

Es küsst Dich Deine Susanne.

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Hurbanovà nl. 2. Zilina. C.S.R.

14.2.1946

Mein lieber Wolfgang!

Heute kam wieder ein ersehnter Brief von Dir und jetzt weiß ich schon, daß ich regelmäßig mit Post von Dir rechnen kann, wenn sie auch sehr alt ist. Schreibe mir bitte nicht mehr nach Zilina, da ich Montag um 02:50 nach Prag abreise. Ivan hat versprochen, mir weitere Briefe nachzuschicken, doch bin ich seiner nicht so sicher, natürlich hoffe ich nach wie vor, vor diesem Brief wieder bei Dir zu sein, doch kann ich gar nichts bestimmtes sagen. Hoffentlich muß ich nicht sehr lange in Prag bleiben, da ich kein Geld habe, i.e., nur genug für ca. 1-2 Wochen. Sollte es nicht anders gehen werde ich eben irgendetwas verkaufen müssen, man kommt schon durch, wenn man muß, mach Dir keine Sorge.

Aus England solltest du dieser Tage von meiner Freundin Hertha Lloyd eine "Aufmerksamkeit" bekommen, hoffentlicih übernähmst Du es persönlich.

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Wenn ich diese letzten 3 Tage hier schon hinter mir hätte wäre mir viel wohler. Obwohl Deine schimmen Befürchtungen bis jetzt sich nicht erfüllt haben, erwarte ich doch jeden Moment eine Krise und was dann passiert weiß Gott. Meine Nerven sind am Reissen, und seine schon längst kaputt gegangen.

Vielleichtwerde ich Dir erst in Prag wieder schreiben, solltest Du einige Tage keine Post haben sei nicht besorgt. Aber, lieber Wolfgang, denk stark an mich, ich glaube es hilft, und behalt ich immer lieb.

Deine Susanne

P.S. Meine Adresse in Prag für die ersten paar Tage lautet: p.J. Zaludová. Praha XX. Kourimska nl. 24/4. Auch später sollten Briefe mich dort erreichen.

Pp.S. Noch ein Meldeamtsformular fehlt noch, aber es ist wirklich nicht sehr wichtig. Der Name ist: Rosa Weinberg, früher Altersheim der Kultusgemeinde Malzgasse, Wien II. Bitte schicke mir das aber nicht her, sondern an meine Mutter in England: 34, Beechwood Gdns. Slough (Bucks). England

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Bratislava, 16:30

Mein liebes Herz!

Nun sind wir nach einer eisigen Fahrt auf einem Lastauto und 10 km Marsch in Br. angekommen. Der kalte Gegenwind entsprach genau meiner Stimmung. Währed der Reise nahm die Diskussion kein Ende und manchmal bereue ich es schon, daß ich mich überhaupt zur Rückkehr erweichen ließ.

Sei mir nicht böse, daß ich doch genau zum Schluß das Gesicht verlor, aber ich konnte, konnte einfach nicht mehr weiter. Wie glücklich waren wir doch vor einigen Tagen, und welch jähes Ende hat unser Zusammensein gefunden. Aber es ist und darf nicht das Ende sein! Die Zeit vergeht, und eines Tages bin ich wieder da, und lange werden wir nicht warten müssen. Ich weiß Du bist stark, und Du hast mir von Deiner Kraft etwas mitgegeben.

Dies ist ein arges Gewinsel, aber es könnte noch viel ärger sein. Beim Bundesministerium für Inneres, I., Herrengasse, sollte man Erkundigungen anstehen wegen Einreisebewilligungen, damit ich wenigstens das weiß. - Es ist schon fast ganz finster, also muß ich schließen und den Brief aufgeben.

Viele Küsse in deine linke, von Deiner Susanne.

Geschrieben auf einem Blatt aus dem Physikheft.